Peter Langkafel

Software as a drug!

Digital Health, Smartwatches, Telemedizin, Big Data, künstliche Intelligenz – Schlagwörter, die in den letzten Jahren mehr und mehr in der Medizin und der Versorgung aufgetreten sind. Dabei haben alle eine große Gemeinsamkeit: Sie generieren Daten. Daten, die nicht nur für die Forschung und Entwicklung von großem Wert sind, sondern auch für die Patientenversorgung und Behandlung. Hier ein Beispiel: Die Stottertherapie-App Speech Again erkennt in den ersten Minuten 908 Parameter. Basierend darauf erlernt der Patient perfekt auf ihn abgestimmte Sprachtechniken. Aber kann eine Software die Einnahme von Medikamenten wirklich ersetzen? Kann ein technischer Gegenstand den Menschen bzw. den Arzt ersetzen? Und wie schaut es mit Datenschutz aus? Viele spannende und zukunftsweisende Fragen, die Referent Dr. med. Peter Langkafel am 3. Dezember in der letzten medtech_shakers Veranstaltung für dieses Jahr im werk_39 beantwortet hat. Als Gründer und Geschäftsführer der Digital Health Factory in Berlin beschäftigt er sich tagtäglich mit den sogenannten digital therapeutics und gab dem Medtech-Publikum einen Einblick über die unvorstellbaren Dimensionen, was man mit den jetzt schon vorhandenen Datenmengen alles erreichen kann.

Wenn man von Daten spricht, haben die meisten wahrscheinlich lauter Excel Tabellen, voll mit kryptischen Zahlen vor Augen. Aber Daten erscheinen uns tagtäglich auch in anderer Form, nämlich in Texten, Bildern, Memos oder Videos, die in Masse ebenfalls bestimmte Muster aufweisen. So kann zum Beispiel eine Software in den USA schon frühzeitig erkennen, ob ein Patient in eine Sepsis verfällt und eingegriffen werden muss. „Eine solche Software die Krankheitsmuster erkennt, kann lebensrettend sein!“, so Langkafel. Lebensrettend kann in dem Zuge auch die digitale Unterstützung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sein. Warum die Einnahme von Medikamenten so ein sensibles Thema ist, erläutert Langkafel wie folgt: „Heutzutage gibt es einen Medikamenten-Dschungel am Markt. Ein Arzt alleine kann heute gar nicht mehr alles wissen, vor allem was die Interaktion verschiedener Medikamente angeht. Hinzu kommt der Parameter Mensch, wie schnell er zum Beispiel Medikamente abbaut. Daher ist es ein Muss, dass Medikamente zukünftig mit einer Software verschrieben werden.“ Dass es hierbei vor allem um Patientenschutz geht, zeigen aktuelle Zahlen in Deutschland: Rund 30% der Bevölkerung nimmt drei verschiedene Medikamente pro Tag. Daraus resultieren nicht nur etliche Krankenhausaufenthalte durch falsche Medikation, sondern geschätzt auch 20.000 Todesfälle pro Jahr.

Digitale Therapien haben den Vorteil, dass sie überall, zu jeder Zeit, unbegrenzt und transparent genutzt werden können. Warum tun wir das dann nicht auch? Langkafels Antwort darauf lautet wie folgt: „Deutschland ist ein sehr spezielles Land, was Daten angeht. In der Notaufnahme braucht man teilweise 14 Unterschriften bevor überhaupt behandelt wird.“ Darüber hinaus scheint es paradox, dass wir täglich unseren Banking-Apps vertrauen und ohne weiteres unsere Organe spenden dürfen. Auf der anderen Seite aber keine Gesundheitsdaten preisgeben wollen und auch rechtlich nicht dürfen. Das Mistrauen in unserer Gesellschaft im punkto Sicherheit von Gesundheitsdaten wird auch im Digital Health Index deutlich, wo Deutschland den vorletzten Platz belegt. Trotzdem steigt die Umfrage nach digitalen Zusatzfunktionen, wie zum Beispiel dem digitalen Impfpass: „Das Problem ist, dass wir immer aus der Sicht von denen denken, die dagegen sind. Man muss den Leuten einfach eine Wahlmöglichkeit schaffen“, so Langkafel. Es müssen aber auch neue Ausbildungsformate geschaffen werden, in denen man gezielt lernt, wie man die Datenmengen managen kann: „Man muss das Mindset von einem Architekten erlangen. Wir müssen weg von dem Impuls alles wissen zu müssen. Was zählt ist, dass man das große Ganze sehen kann“. Wachgerüttelt von beidem, den alarmierenden Zahlen als auch von dem ausgelassenen Potenzial, bringt die Regierung nach und nach neue Gesetze auf die Wege: So ist seit Oktober diesen Jahres die Abrechnung von Telemedizin möglich und im kommenden Jahr darf ein Arzt eine Software offiziell als Medikament verschreiben, vorausgesetzt sie ist medizinisch zugelassen.

Fassen wir zusammen: Die Thematik „Software as a drug“ ist für den einen mehr Zukunftsmusik als für den anderen. Aber wer weiß: Früher hat man auch nicht daran geglaubt, dass Patienten sich selber mit einem Fieberthermometer diagnostizieren. Oder dass ein Flugzeug von alleine fliegen kann, war ebenfalls unvorstellbar. Daher scheint es nicht so weit hergeholt, dass wir vermehrt unsere Gesundheit einer Software anvertrauen, oder?

Einige Impressionen des Abends:

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Bilder: Kevin Kummer