Mit Abstand zum Heimatplaneten

Ein Hausbesuch

Seit einem Jahr gibt es das Werk 39 in Tuttlingen, ein Digitallabor von B. Braun und Aesculap. Zweieinhalb Kilometer vom Hauptsitz in Tuttlingen geht es um die großen Zukunftsfragen: Digitalisierung und Big Data.

Keine Krawatten“ steht auf eine der Treppenstufen, die hinaufführen in den zweiten Stock des Werks 39. Genauer genommen steht dort „No ties“, wie alles in dieser B. Braun-Innovationsschmiede auf Englisch notiert wird. Ganze Wände sind beschrieben. Ganz so, als habe jemand schnell etwas notieren müssen, bevor sich die Idee wieder verflüchtigt. Was im Aesculap-Stammsitz am anderen Ende der Stadt so nicht möglich wäre, ist in der Roten Straße 1 in Tuttlingen Programm. Hier wird ins Unreine gedacht, neue Prozesse angestoßen, die Dinge gegen den Strich gebürstet. Misstraue dem Üblichen, könnte so ein Merksatz sein, der die Wände der Innovationsschmiede ziert. Statt dessen ist dort der ehemalige Formel-eins-Weltmeister Mario Andretti zitiert: „If everything seems under control, you’re not going fast enough“ (etwa: „Wenn man glaubt, alles unter Kontrolle zu haben, ist man nicht schnell genug“)
Das Angebot, sich zu duzen, kommt praktisch beim ersten Kennenlernen. In der Konferenz zeigt sich, dass die Aufforderung, die Krawatte zu Hause zu lassen, tatsächlich beherzigt wird. Kapuzenpullis mit dem Logo des Arbeitgebers bestimmen die Szenerie. „Wir agieren auf Augenhöhe“, sagt Sören Lauinger, Leiter des Werks 39. Mit den Mitarbeitern, mit den Kunden. Da störe der übliche Dresscode nur: Glanz schafft Distanz.


Sandkasten und Speerspitze

Der Aesculap-Vorstandsvorsitzende Dr. Joachim Schulz hat das Werk 39 vor kurzem einen Sandkasten genannt – und das keineswegs despektierlich gemeint. Lauinger gefällt das Bild der Speerspitze. Hier sollen die Ideen von morgen, die jenseits des Produktes liegen, entwickelt werden. Innovationen jenseits des Mü-Bereichs. Ein Silicon Valley im Kleinen – vorläufig noch mit einer Stammbesetzung von zehn Mitarbeitern plus jene, die projektbezogen aus der ganzen Welt nach Tuttlingen eingeladen werden. Nach Tuttlingen? Lauinger schmunzelt, denn viele Labore in Sachen digitaler Zukunft sind in die Metropolen gezogen. „Berlin ist in“, sagt der Leiter – und doch ist man in Tuttlingen geblieben. 32 der insgesamt 88 Digitallabore deutscher Großunternehmen haben sich nach einer jüngsten Erhebung des Wirtschaftsmagazins „Capital“ in der Hauptstadt niedergelassen, 16 in München, acht in Hamburg und der Rest versprengt über die ganze Republik. Befürchtungen, Talente seien nicht in die Provinz zu locken, hätten sich so nicht bestätigt.


Vorbild Silicon Valley

Vor einem Jahr hat das Werk 39 seine Arbeit aufgenommen. Nicht auf dem riesigen Werksgelände von Aesculap, sondern mitten in Tuttlingen, in einem älteren Haus, das in den vergangenen Jahrzehnten schon so einige Mieter hatte. „Wir brauchen einen gewissen Abstand“, sagt Lauinger. Gleichzeitig spricht er von der Notwendigkeit einer „Verbindung zum Heimatplaneten“. So umkreist der kleine Satellit das große Gestirn in zweieinhalb Kilometer Entfernung – einer Distanz, in der sich Sicherheitsabstand und Nähe zur Zentrale die Waage halten. Werk 39 sieht sich aber keineswegs als Konkurrenz zum etablierten Bereich Forschung und Entwicklung, sondern viel eher als Ergänzung, als Experimentierlabor, wo im geschützten Umfeld Dinge ausprobiert werden können, die, wenn sie sich bewähren, sicher in den Standard übernommen werden können.
Im Kern geht es im Werk 39 darum, die Herausforderungen einer digitalen Zukunft zu meistern. Labore dieser Art sind in Deutschland in den letzten Jahren viele entstanden. Ausflüge ins Silicon Valley waren Erweckungserlebnisse und führten nicht selten zur Erkenntnis in deutschen Konzernen, die falschen Antworten auf die wichtigen Zukunftsfragen zu haben. Lauinger sieht eine wichtige Rolle für das Digitallabor in Tuttlingen in der Zusammenarbeit von internen und externen Start-ups. Es soll also die Fachkompetenz der eigenen Leute angezapft und diese in Verbindung mit agiler Methodik gebracht werden. Der Konzern aus Melsungen hat derzeit um die 62 000 Beschäftigte – viel Potenzial also, dessen Know how gefragt ist. Dieser Tage ist eine Gruppe im Haus, die sich mit der Digitalisierung im Sterilkreislauf eines Krankenhauses beschäftigt.

Text: SWP / Die Neckarquelle, Markus Schmitz, 06.04.2018