„Software as a drug!“ | Di. 03.12.2019

„Software as a drug!“ | Di. 03.12.2019

Peter Langkafel

Software as a drug!

Digital Health, Smartwatches, Telemedizin, Big Data, künstliche Intelligenz – Schlagwörter, die in den letzten Jahren mehr und mehr in der Medizin und der Versorgung aufgetreten sind. Dabei haben alle eine große Gemeinsamkeit: Sie generieren Daten. Daten, die nicht nur für die Forschung und Entwicklung von großem Wert sind, sondern auch für die Patientenversorgung und Behandlung. Hier ein Beispiel: Die Stottertherapie-App Speech Again erkennt in den ersten Minuten 908 Parameter. Basierend darauf erlernt der Patient perfekt auf ihn abgestimmte Sprachtechniken. Aber kann eine Software die Einnahme von Medikamenten wirklich ersetzen? Kann ein technischer Gegenstand den Menschen bzw. den Arzt ersetzen? Und wie schaut es mit Datenschutz aus? Viele spannende und zukunftsweisende Fragen, die Referent Dr. med. Peter Langkafel am 3. Dezember in der letzten medtech_shakers Veranstaltung für dieses Jahr im werk_39 beantwortet hat. Als Gründer und Geschäftsführer der Digital Health Factory in Berlin beschäftigt er sich tagtäglich mit den sogenannten digital therapeutics und gab dem Medtech-Publikum einen Einblick über die unvorstellbaren Dimensionen, was man mit den jetzt schon vorhandenen Datenmengen alles erreichen kann.

Wenn man von Daten spricht, haben die meisten wahrscheinlich lauter Excel Tabellen, voll mit kryptischen Zahlen vor Augen. Aber Daten erscheinen uns tagtäglich auch in anderer Form, nämlich in Texten, Bildern, Memos oder Videos, die in Masse ebenfalls bestimmte Muster aufweisen. So kann zum Beispiel eine Software in den USA schon frühzeitig erkennen, ob ein Patient in eine Sepsis verfällt und eingegriffen werden muss. „Eine solche Software die Krankheitsmuster erkennt, kann lebensrettend sein!“, so Langkafel. Lebensrettend kann in dem Zuge auch die digitale Unterstützung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sein. Warum die Einnahme von Medikamenten so ein sensibles Thema ist, erläutert Langkafel wie folgt: „Heutzutage gibt es einen Medikamenten-Dschungel am Markt. Ein Arzt alleine kann heute gar nicht mehr alles wissen, vor allem was die Interaktion verschiedener Medikamente angeht. Hinzu kommt der Parameter Mensch, wie schnell er zum Beispiel Medikamente abbaut. Daher ist es ein Muss, dass Medikamente zukünftig mit einer Software verschrieben werden.“ Dass es hierbei vor allem um Patientenschutz geht, zeigen aktuelle Zahlen in Deutschland: Rund 30% der Bevölkerung nimmt drei verschiedene Medikamente pro Tag. Daraus resultieren nicht nur etliche Krankenhausaufenthalte durch falsche Medikation, sondern geschätzt auch 20.000 Todesfälle pro Jahr.

Digitale Therapien haben den Vorteil, dass sie überall, zu jeder Zeit, unbegrenzt und transparent genutzt werden können. Warum tun wir das dann nicht auch? Langkafels Antwort darauf lautet wie folgt: „Deutschland ist ein sehr spezielles Land, was Daten angeht. In der Notaufnahme braucht man teilweise 14 Unterschriften bevor überhaupt behandelt wird.“ Darüber hinaus scheint es paradox, dass wir täglich unseren Banking-Apps vertrauen und ohne weiteres unsere Organe spenden dürfen. Auf der anderen Seite aber keine Gesundheitsdaten preisgeben wollen und auch rechtlich nicht dürfen. Das Mistrauen in unserer Gesellschaft im punkto Sicherheit von Gesundheitsdaten wird auch im Digital Health Index deutlich, wo Deutschland den vorletzten Platz belegt. Trotzdem steigt die Umfrage nach digitalen Zusatzfunktionen, wie zum Beispiel dem digitalen Impfpass: „Das Problem ist, dass wir immer aus der Sicht von denen denken, die dagegen sind. Man muss den Leuten einfach eine Wahlmöglichkeit schaffen“, so Langkafel. Es müssen aber auch neue Ausbildungsformate geschaffen werden, in denen man gezielt lernt, wie man die Datenmengen managen kann: „Man muss das Mindset von einem Architekten erlangen. Wir müssen weg von dem Impuls alles wissen zu müssen. Was zählt ist, dass man das große Ganze sehen kann“. Wachgerüttelt von beidem, den alarmierenden Zahlen als auch von dem ausgelassenen Potenzial, bringt die Regierung nach und nach neue Gesetze auf die Wege: So ist seit Oktober diesen Jahres die Abrechnung von Telemedizin möglich und im kommenden Jahr darf ein Arzt eine Software offiziell als Medikament verschreiben, vorausgesetzt sie ist medizinisch zugelassen.

Fassen wir zusammen: Die Thematik „Software as a drug“ ist für den einen mehr Zukunftsmusik als für den anderen. Aber wer weiß: Früher hat man auch nicht daran geglaubt, dass Patienten sich selber mit einem Fieberthermometer diagnostizieren. Oder dass ein Flugzeug von alleine fliegen kann, war ebenfalls unvorstellbar. Daher scheint es nicht so weit hergeholt, dass wir vermehrt unsere Gesundheit einer Software anvertrauen, oder?

Bilder: Kevin Kummer

„Unternehmen auf den Spuren von Start-Ups“ | Di. 08.10.2019

„Unternehmen auf den Spuren von Start-Ups“ | Di. 08.10.2019

Thomas Sindemann

Zukunft des Medizintechnik-Clusters Tuttlingen: Alles eine Frage der Digitalisierung

Wie holen etablierte deutsche Unternehmen den Rückstand der Digitalisierung auf? Die Antwort liegt auf der Hand: Durch Innovation. Viele Konzerne haben mittlerweile in sogenannte Innovationslabore investiert. Sie verfolgen das Ziel, neue Digitallösungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln, um dadurch in etablierten Märkten weiterhin erfolgreich zu agieren und neue Märkte zu erschließen. Aber wie kann digitale Innovation in einem etablierten Unternehmen entstehen?

Unter dem Motto „Unternehmen auf den Spuren von Startups“ führte der Referent Thomas Sindemann, Studienleiter von Infront Consulting, das medtech_shaker-Publikum am 08.10.2019 durch die besten Innovationslabore Deutschlands. Als Berater für digitale Strategien machte er es sich vor drei Jahren zur Aufgabe, herauszufinden, welche Beweggründe deutsche Unternehmen haben, so wie ein Startup zu agieren, um digitale Innovation voran zu treiben. Zusammen mit der Wirtschaftsmagazin Capital besucht er jedes Jahr in Deutschland die Innovationsstätten aus unterschiedlichen Branchen und bewertet diese. Darunter zu finden sind: Daimler, VW, Audi, Viessmann, Lufthansa, Heidelberg Druck, Merck, SAP und viele weitere. Dass bis jetzt nur größere Unternehmen eigene Innovationslabore gegründet haben, ist nicht verwunderlich: „InnoLabs überschreiten oftmals die „Peanut-Grenze“, so Sindemann, was so viel heißt wie, dass es eine echte Investition ist, Labore zu etablieren und zu bewirtschaften.

Dass es in Punkto Ausstattung aber nicht immer das Beste vom Besten sein muss, um funktional zu sein, zeigt das werk_39: „Das werk_39 zeigt, dass nicht immer alles teuer sein muss, um den Zweck zu erfüllen und gut auszusehen“. Am wichtigsten für Sindemann ist die Ernsthaftigkeit der Teams während der verschiedenen Innovationsphasen. Weiterhin sei es wichtig, die Dinge schneller auf den Punkt zu bringen und sich auf eine Sache zu fokussieren. Laut Sindemann erblicken rund 50% der Prototypen nicht das Licht der Welt, wodurch viele Chancen verloren gehen. Bei alledem muss man jedoch stets die eigenen Unternehmensstrukturen im Hinterkopf behalten, die oft weniger agil arbeiten wie von den Innovationslaboren vorgelebt. Sindemann beschreibt diese Gefahr augenzwinkernd als das „Silicon Valley Fieber“, die Vorstellung eine Idee zu entwickeln und in kürzester Zeit zu skalieren und auf den globalen Markt zu bringen. Dabei entsteht oftmals Frust in der eigenen Organisation, da Prozesse langsamer ablaufen als bei „echten Start-ups“.

Fest steht, dass den deutschen Innovationslaboren die Arbeit nicht so schnell ausgehen wird und Unternehmen sich der Herausforderung der Digitalisierung stellen müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Hier können Sie einen Zusammenschnitt des Vortrags anschauen:

Bilder: Kevin Kummer

„Disruption – und nun, was tun?“ | Mi. 26.06.2019

„Disruption – und nun, was tun?“ | Mi. 26.06.2019

Dr. Reiner Fageth

Nach der Transformation ist vor der Transformation

Es war mal wieder soweit! Das werk_39 hatte am Mittwoch 26.06.2019 im Rahmen der Veranstaltungsreihe “medtech_shakers” Dr. Reiner Fageth, Vorstand Technik der Cewe Stiftung & Co. KGaA, zu Gast und sprach zum Thema „Disruption – und nun, was tun?“. Als Konsumenten kennen wir Cewe durch seine Fotostationen in Drogeriemärkten oder durch das Cewe-Fotobuch.

„Bilder gibt’s heute überall. Wofür braucht’s uns denn dann noch?“ Mit dieser Frage macht Herr Dr. Fageth klar, dass Cewe kurz nach der Jahrtausendwende vor dem Risiko stand, dem Schicksal Kodaks zu folgen. Der ehemals bedeutendste Hersteller für Film & Fotografie hatte im Jahr 2012 Insolvenz beantragt, da er den Anschluss an das sich verbreitende digitale Bild verlor. Kodak konnte also gegen Disruption nicht ankommen. Wie Cewe das gelang und noch heute bewältigt, erklärte Fageth während seines Vortrags und in der anschließenden Fragerunde.

„Vernetzung und Feedback sind unglaublich wichtig“. Entsprechend lautet Cewes Devise den Konsumenten stets in den Mittelpunkt zu stellen und aktiv zu integrieren. „Der Kunde ist der beste Kritiker, der beste Ideengeber“, erklärt Fageth. Darüber hinaus geht es um „mehr als das gedruckte Buch“. Cewe setzt auf Emotionen, auf Vertrauen.

Die damalige Ausgründung der Cewe digital GmbH im Rahmen einer Geschäftsmodellerneuerung stellt einen weiteren wichtigen Punkt dar. Fageth, damals CEO dieses Innovationslabors, betonte stets, dass dieser Schritt entscheidend war, denn „Erfolg schützt nicht vor Scheitern. Erfolg ist nicht auf Dauer garantiert. Erfolg hemmt Innovation.“  Man hatte nun die Chance echte Startup-Mentalität zu leben und losgelöst von Prozessen des Analoggeschäfts zu agieren. Nach einiger Zeit folgte die Reintegration. Somit ist Innovation bis heute fester Bestandteil bei Cewe. Und das sei auch notwendig denn „nach der Transformation ist vor der Transformation“.

Auszeichnungen wie der 1.Platz für den Top Service Award 2019 oder der TIPA world award 2019 für das beste Fotolabor der Welt zeugen von einer erfolgreichen Umsetzung der Innovationsmentalität beim europäischen Marktführer Cewe.

Bilder: Kevin Kummer

„Effectuation und Märkte als Netzwerke“ | Di. 19.03.2019

„Effectuation und Märkte als Netzwerke“ | Di. 19.03.2019

Prof. Heiner Schanz

Die Erfindung ist nicht das reine Erfolgsgeheimnis

Prof. Dr. Heiner Schanz, Professor für Environmental Governance an der Universität Freiburg, gab in der jüngsten Veranstaltung Einblicke in ein alternatives Verständnis von bahnbrechenden Innovationen und verbindet dabei die Effectuation-Theorie mit der Interpretation von Märkten als Netzwerke. Er entführte die Teilnehmer „in die abstrakte Welt des konzeptionellen Denkens“ und zeigte dabei an anschaulichen Beispielen was die grundsätzlichen Treiber von Innovationen darstellen und wie Selektions- und Suchprozesse im Hinblick auf Innovationen stattfinden. Darüber hinaus berichtete er über den Umgang mit  Begrifflichkeiten wie Volatility (Schwankungen), Uncertainty (Ungewissheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit) von Systemen. In den Mittelpunkt rückte Prof. Schanz dabei unter anderem die Frage: „Wie gehe ich im Zuge von Innovationsprozessen mit der Suche nach Transformationsansätzen um?“. Hierbei gilt Effectuation als Möglichkeit des Vorgehens bei der Entscheidungsfindung unter Unsicherheit, wobei das Prinzip der Mittelorientierung: „was habe ich?“; das Prinzip des leistbaren Verlustes: „wie viel kostet es mich, wenn es nicht funktioniert?“; das Prinzip der Umstände und Zufälle sowie das Prinzip der Partnerschaftlichen Vereinbarung den Kern darstellen. An dieser Stelle greift der zweite Teil des abendlichen Vortrages: Märkte als Netzwerke. Dabei muss für die Veränderung innerhalb von Netzwerken zwischen zentralen und relevanten Akteuren unterschieden werden. Dadurch kann letztlich identifiziert werden, an welcher Stelle sich Effektuierung lohnt, an welcher Stelle sich damit das Gesamtsystem verändern lässt und an welcher Position eine Innovation somit auch Systemrelevanz besitzt. Prof. Schanz referierte eindrucksvoll darüber, dass nicht die Erfindung an sich das reine Erfolgsgeheimnis darstellt, sondern vor allem die Stelle an der effektuiert wird. Im Anschluss an den vielseitigen Vortrag fand ein abschließender Austausch mit dem Publikum statt.

Bilder: Jan Koch

„Die Zukunft des Medtech Clusters“ | Di. 16.10.2018

„Die Zukunft des Medtech Clusters“ | Di. 16.10.2018

Tobias Koch

Zukunft des Medizintechnik-Clusters Tuttlingen: alles eine Frage der Digitalisierung

Einen Blick in die Zukunft der Medizintechnik im Landkreis Tuttlingen hat am Dienstagabend Tobias Koch, Leiter des Stuttgarter Büros des schweizerischen Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmens Prognos, gegeben. Der in Tuttlingen aufgewachsene Referent war zu Gast bei den „Medtech Shakers“ im Werk 39 des Tuttlinger Medizintechnik-Unternehmens Aesculap.

Sören Lauinger, Leiter des Werks 39, berichtete, dass der Bruder von Tobias Koch, Jan Koch, im Werk 39 arbeiten würde. Er selbst habe den Referenten, der zwar in Hamburg geboren wurde, aber im Alter von einem Jahr nach Tuttlingen gekommen war, bei den Arbeiten zum Film „Auf Messers Schneide“ über die Tuttlinger Medizintechnik kennengelernt. „Wir legen Wert darauf, dass wir die Referenten aus dem Landkreis Tuttlingen rekrutieren“, sagte Lauinger.

Und mit Tobias Koch hatte er keinen schlechten Griff gemacht. Der Prognos-Mitarbeiter wollte mit seinem Vortrag für die zukünftigen Risiken der Medizintechnik sensibilisieren. Auch wenn der Kreis im Prognos-Zukunftsatlas aus dem Jahr 2016 auf Rang 64 von 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland gelandet sei (wir berichteten), so habe er Nachholbedarf bei der Digitalisierung (siehe Kasten).

Das Medizintechnik-Cluster Tuttlingen mit seinen rund 400 Unternehmen sei „ausgesprochen dynamisch“ und verfüge über eine besondere Qualität. In den vergangenen Jahren sei die Anzahl der Beschäftigten aufgebaut worden: „Hier entwickelt sich nach wie vor die Industrie, woanders ist es die Dienstleistung.“ Fast 20 Prozent aller rund 62 000 Arbeitsplätze im Kreis seien in der Medizintechnik zu finden. Jeder zehnte Job in der deutschen Medizintechnik mit seinen rund 120 000 Beschäftigten sei im Kreis Tuttlingen verankert. Ein vergleichbares Medizintechnik-Cluster sei „vielleicht eine Handvoll Mal“ auf der Welt zu finden.

Hochschullandschaft ausbaufähig

Das Cluster sei eine Stärke, wenn es wirtschaftlich gut laufe, zeige aber bei einem Abschwung auch seine Schwächen. Wichtig sei eine wissenschaftliche Vernetzung der Unternehmen – und dabei sei die Region mit ihren sechs Hochschulen und nur einer unabhängigen Forschungseinrichtung, die Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung in Villingen-Schwenningen, nicht unbedingt gut aufgestellt. Hierdurch gibt es einen „schleichenden Verlust“ bei den 18- bis 30-Jährigen.

Aufgrund der Digitalisierung müssten sich die Unternehmen fragen, wie lange ihr Geschäftsmodell noch klappen wird. Zentrale Megatrends und Einflussfaktoren seien die Automatisierung, die Digitalisierung, die Urbanisierung, neue Mobilitätskonzepte, die Stadt von Morgen, der Wandel der Arbeitswelt, die Individualisierung, disruptive Innovationen (Innovationen, die einen neuen Markt schaffen und bestehende Produkte verdrängen) und hybride Wertschöpfung (Bündelung von Industriewaren und Dienstleistungen). „Diese Veränderungen müssen die Unternehmen in den Blick nehmen“, sagte Koch. Die Veränderungen hin zu einer Gesellschaft 5.0 würden neue Fragen hervorbringen, etwa digitale Lösungen als Alltagshelfer. So könnten Pflegeroboter zum Einsatz kommen, die auch einen schleichenden Druck auf die OP-Säle ausüben könnten. Gesamtheitliche Gesundheitslösungen würden auch weniger OP-Einsätze hervorbringen.

IT-Player drücken in den Markt

Die Unternehmen müssten sich darauf einstellen, dass auch Player aus der IT-Branche, die viel Geld in die Forschung und Entwicklung stecken, in den Medizintechnik-Markt drücken: „Es gilt, sich darauf vorzubereiten“ – und das bei einem Rückstand Deutschlands in der Digitalisierung im Vergleich mit anderen Ländern. Der Tuttlinger Medizintechnik-Cluster verfüge zudem über keine Kernkompetenz bei bildgebenden Verfahren, neuen und intelligenten Verfahren und bei der Sensorik. Dabei würden die einfachen und standardisierten Produkte aufgrund der veränderten Kundenanforderungen an Bedeutung verlieren. Daher müssten sich die Unternehmen vermehrt um Kooperationen kümmern, sei es innerhalb der Branche oder im Verbund mit IT-Unternehmen.

Tuttlingen steht nicht so gut da

Das Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos hat zusammen mit dem Handelsblatt vor wenigen Tagen den „Digitalisierungskompass 2019“ veröffentlicht. Darin untersucht das Unternehmen, wie sehr die einzelnen Landkreise und kreisfreien Städte bereits digitalisiert sind. Anders als noch beim Zukunftsatlas von 2016 mit Rang 64 steht dabei der Landkreis Tuttlingen nicht so rosig da. Im Vergleich mit den 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland kommt Tuttlingen nicht über Platz 171 und damit einen Rang im Mittelfeld hinaus.

Untersucht wurden in der Studie der digitale Arbeitsmarkt, die Entwicklung der Branche für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sowie die Breitband-Infrastruktur. Beim digitalen Arbeitsmarkt schneidet der Landkreis Tuttlingen mit Rang 58 noch verhältnismäßig gut ab. Bei der IKT-Branche landet der Landkreis mit Platz 306 nur im hinteren Mittelfeld. Nicht viel besser, nämlich auf Rang 263, steht er bei der Breitband-Infrastruktur da. Zum regionalen Vergleich: Der Landkreis Rottweil landet auf Platz 72 (Arbeit: 75; IKT: 131; Breitband: 88), der Schwarzwald-Baar-Kreis auf Platz 138 (88; 77; 260). Nicht viel besser als um Tuttlingen steht es um den Landkreis Konstanz. Er rangiert auf Platz 159 (103; 80; 270). Weit abgeschlagen rumpelt der Landkreis Sigmaringen auf Rang 354 (244; 243; 75) daher.

Auf Platz eins landet übrigens der Landkreis München (1; 1; 110) vor der Stadt München (4; 3; 22). „Wenn Breitband nicht gegeben ist, wird man abgehängt“, betonte Tobias Koch am Dienstag bei seinem Vortrag im Werk 39 von Aesculap.

Bilder: Matthias Wand

„Der Evangelist, der bei Google Erfindergeist weckt“ | Di. 17.07.2018

„Der Evangelist, der bei Google Erfindergeist weckt“ | Di. 17.07.2018

Dr. Frederik G. Pferdt

„Ja, und …“

Innovation wird bei jedem Unternehmen, das sich in der heutigen Zeit behaupten will, groß geschrieben. Fast 1.000 Zuhörer – 970 vor Ort im Aesculap-Betriebsrestaurant in Tuttlingen und etwa 30 vor der Leinwand in Melsungen per Livestream – lauschten am 17. Juli dem Vortrag von Dr. Frederik G. Pferdt, ,Chief Innovation Evangelist‘ von Google und Adjunct Professor der Stanford University. Kurzweilig und mit Übungen fürs Publikum vermittelt er, welche Grundhaltung Mitarbeiter ermutigt, neue Wege zu beschreiten. Vorstandsvorsitzender Dr. Joachim Schulz betont in seiner Begrüßung die Bedeutung von Innovation und Veränderung für die Entwicklung von B. Braun.

Was künstliche Intelligenz und neue Formen der Zusammenarbeit hierzu beitragen können, wurde bereits in den vergangenen medtech_shakers Sessions diskutiert. In der vierten Session ging es vielmehr um die Unternehmenskultur, in der Ideen wachsen können oder eben auch nicht. Pferdt betonte, wie wichtig es für Führungskräfte sei, erst einmal unvoreingenommen mit Ideen von Mitarbeitern umzugehen. Sein Tipp: Nicht jede Idee direkt kritisch hinterfragen und ablehnen, sondern mit „Ja, und …“ antworten und so den Freiraum für näheres Erforschen der Idee geben. Denn auch bei Google haben erfolgreiche Produkte, wie zum Beispiel Google Translate, mit einer simplen Idee angefangen und ermöglichen heute jedem, mit Internetzugang 100 Sprachen verstehen zu können.

Einladung zur Kreativität

Gleich zu Beginn holt Pferdt die Anwesenden aus der Komfortzone. Sie dürfen zu Papier und Stift greifen und – häufig schmunzelnd – in 45 Sekunden ihre Sitznachbarn zeichnen. Anschließend reichen sie ihre Werke weiter. Mut zu Kreativität ist das Motto. Was in Kinderjahren leicht von der Hand geht, nämlich kurzerhand ein Bild zu skizzieren, erfährt im Erwachsenenalter Zensur und schon versandet eine Fähigkeit. Mit Übungen wie diesen lockert der gebürtige Tuttlinger die Stimmung und holt gleichzeitig die Besucherinnen und Besucher auf eine Schiene des „Geht doch!“

Lust auf Innovation wecken

Anschaulich berichtet Pferdt Beispiele aus dem Alltag im Silicon Valley, wo Unternehmen gezielt positive Denkweise und Bereitschaft zu Veränderung üben; heißt, sie unterstützen die Mitarbeitenden, die eigene Kreativität wertzuschätzen und Bestehendes kontinuierlich zu hinterfragen. Darin wären wir schon mal besser gewesen. Schließlich würden Kinder täglich 150 Fragezeichen setzen, während Erwachsene lediglich auf durchschnittlich vier kämen.

Vom ‚ja, aber‘ zum ‚ja, und!‘

Vorgesetzte, die ihre Mitarbeitenden in deren Ideen und Vorschlägen bestärken, motivieren zum Nach-vorne-Denken und zum Ausprobieren. Selbst wenn etwas am Ende doch nicht funktioniert, so hätten die Beteiligten daraus gelernt und diese Erkenntnisse würden in den weiteren Prozess einfließen. Die Schere im Kopf würde sich häufig über ein ablehnendes „Ja, aber …“ ausdrücken, wohingegen ein „Ja, und …!“ die Menschen motivieren würde, ungewöhnliche Prozesse zu Ende zu denken.

„Eine gesunde Missachtung des Unmöglichen“

Wer sich eher auf Fehlersuche begibt und weniger seinen Ideen Lauf lässt, wird den Rahmen des Möglichen kaum erweitern. Dass sich im positiven Fall die Geschwindigkeit der Veränderung steigert, darf den Beteiligten auch Freude am Ausprobieren vermitteln. Pferdt führt aus, wie sich im Zuge der Digitalisierung Innovationszyklen verkürzen und Ereignisse zunehmend rascher ablaufen würden. Elementar sei der durchgängige Blick auf den Nutzer und seine Interessen. Dabei rücke die Frage nach Budgets für Forschung und Entwicklung durchaus in den Hintergrund.

Diesen Erfindergeist greift Sören Lauinger in seinen Schlussworten auf. werk_39 sei genau darin zukunftsweisend: „Google ist für uns natürlich ein echtes Vorbild, was Innovationsfähigkeit betrifft. Spannend war zu hören, wie sich das Unternehmen trotz seines Erfolgs ständig in Frage stellt.“ Die Dimensionen dieses medtech_shaker-Events legten nahe, es in Kooperation durchzuführen. Mit der Aesculap Akademie, der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg und TechnologyMountains waren rasch umsetzungsstarke Partner gefunden. Die Veranstaltungsreihe medtech_shakers möchte Impulse setzen, zum Umdenken anregen und am Gewohnten rütteln.

Bilder: Matthias Wand